So gut wie jedes Produkt verursacht während seiner Herstellung ökologische und soziale Kosten: Wasser wird verschmutzt, giftige Chemikalien werden frei oder die Produktionsbedingungen sind nicht menschenwürdig. Doch diese Kosten finden sich nicht in den Preisen.

Quelle: jarmoluk / pixabay.com

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Sogenannte negative externe Effekte erfassen ökologische und soziale Auswirkungen wirtschaftlicher Tätigkeit. Würde man sie in den Preis von Produkten und Dienstleistungen einrechnen, wären manche Dinge auf einmal viel teurer. Das geschieht aber nicht. Und mal ehrlich: wer möchte schon für die Putenbrust das Doppelte zahlen, nur weil ein paar Erbsenzähler auf die Idee kommen, entlang der Wertschöpfungskette ganz genau hinzuschauen? Sie stellen Fragen, wie: Was haben die Tiere gefressen? Wurde viel Soja verfüttert, das oft in Monokulturen auf großen Plantagen in Lateinamerika angebaut wird? Auf solchen Plantagen arbeiten häufig ehemals unabhängige Bauern zu geringen Löhnen, die obendrein ungeschützt mit Herbiziden und Pestiziden hantieren. Die gesundheitlichen Schäden unter denen sie deswegen leiden sind hoch und das Einkommen, das sie erzielen reicht manchmal einfach nicht zum Leben.

In großen europäischen Mastbetrieben wird im nächsten Arbeitsschritt standardmäßig Antibiotika ins Futter gemischt, damit die Tiere auf dem engen Raum nicht erkranken und die Produktion nicht einbricht. Die Medikamente wiederum brutzeln mit in unserer Pfanne und gelangen letztlich in unsere Blutbahn, sodass viele Menschen immer seltener auf Antibiotika ansprechen. Sie haben sich sozusagen dagegen resistent gefuttert. Das treibt die Kosten des Gesundheitssystems in die Höhe und muss über Steuern aufgefangen werden oder spiegelt sich in höheren Versicherungsprämien wider.

Man beginnt zu ahnen, die Sache ist kompliziert. Das stimmt aber nur zum Teil, denn komplizierte Kostenstrukturen sind längst Grundlage für die Berechnung der Preise von Wirtschaftsgütern jeglicher Art. Kein Geschäftsmann, der sein Handwerk versteht, beginnt mit der Produktion z.B. von Kartoffeln, bevor er sich nicht überlegt hat, was das Land kostet, das er braucht und welche Kosten für Saatgut, die Bestellung des Feldes und die Ernte anfallen sowie für Kredite und den Vertrieb. Obendrein möchte er ja auch von seinen Mühen leben und muss ausrechnen, welchen Gewinn er dafür braucht. Das Ganze nennt man dann Rechnungswesen oder neudeutsch Accounting. Es ist das Rückgrat jeder anständigen Unternehmung. Man ist das Rechnen mit komplexen und teils dynamischen Kosten also gewohnt.

Bis jetzt wurde aber mit Halbwahrheiten gerechnet, was sich in niedrigen Preisen – besonders für Lebensmittel – niederschlägt, an die wir uns gewöhnt haben. Auf Halbwahrheiten lässt sich aber selten ein gesundes Geschäft aufbauen und schon gar keine gesunde (globale) Wirtschaft, zu der nun einmal auch natürliche Ressourcen und Humankapital gehören. Die ökologischen und sozialen Kosten werden in den nächsten Jahren steigen, weil unsere knappen natürlichen Ressourcen über die Maßen beansprucht werden und die Schere zwischen arm und reich weiter auseinandergeht. Und wir alle zahlen dafür schon jetzt über unsere Steuern und Versicherungen.

Es stellt sich also die Frage, ob es nicht langsam Zeit wird, mit den wahren Kosten zu kalkulieren. Eine ganze Reihe bekannter Unternehmen haben bereits damit begonnen, das sogenannte True Cost Accounting anzuwenden. Sie tun dies, um ihre eignen Kostenrisiken zu minimieren und suchen nach neuen Wegen der Produktion, bei denen negative externe Effekte minimiert werden. Unterstützt werden sie dabei von Organisationen wie Trucost, die sich darauf spezialisiert haben, diese Effekte in Geldeinheiten umzurechnen.

Dieser Artikel hat 2 Kommenatre

  1. Sehr interessanter Artikel!
    Könnten sie eventuell noch ein konkretes Beispiel nennen für Unternehmen die ihre Preise neuerdings sozialer berechnen?

    • Patrick Bottermann

      Hallo Kim, danke für Dein Kommentar. Das Kölner Modelabel Armed Angels fährt seit ein paar Wochen eine offensive Marketingkampagne. Ein relevanter Anteil der Kleidung, die das Label anbietet, ist mit den relativ strikten Nachhaltigkeitssiegeln GOTS und Fairtrade zertifiziert. Mehr dazu hier: http://radishtowear.com/armed-angels-made-by-humans/. Zu den Bedeutungen der einzelnen Siegel s. http://www.siegelklarheit.de

      Viele andere Unternehmen gehen mit dem Thema noch sehr vorsichtig um, da sie fürchten, dass die negativen Auswirkungen ihrer Produkte in den Mittelpunkt rücken. Das muss aber nicht sein. Man kann den Spieß auch umdrehen, wie Armed Angels zeigen.

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