„It takes 20 years to make an overnight success.“

In Zeiten, in denen der Erfolg eines Startups danach bemessen wird, ob es das nächste Facebook/das nächste Soundcloud ist, bietet der Aphorismus des Amerikanischen Comedien Eddie Cantor Ermutigung. Denn unermüdlicher Tatendrang und Hingabe alleine sind häufig genug keine hinreichende Bedingung für den bahnbrechenden Erfolg des eigenen Startups.

Quelle: Tumisu/ pixabay.com

Quelle: Tumisu/ pixabay.com

Ich selbst stolperte genau zur rechten Zeit über die humoristische Losung. Mit unserem Startup ionas – Ihr Online Assistent standen wir kurz vor dem Ende des zweiten Geschäftsjahres. 2015 war ein erfolgreiches, aber auch anstrengendes Jahr gewesen: Unsere drei Produkte waren im Markt angekommen, wir hatten gute Reviews erhalten und der persönliche Einsatz fing an, Früchte zu tragen. Es war aber auch klar: Noch ein gutes Stück Weg lag vor uns! „Eddie“ half mir, wieder Wind unter die Flügel zu bekommen, um das Jahr 2016 mit neuem Elan anzugehen.

Mit dieser Gründungserfahrung bin ich wohl nicht alleine. Viele Gründer machen die Erfahrung, dass vieles länger geht, als man denkt. Die Produktentwicklung ist träge, Kunden stehen nicht von Tag 1 Schlange und auch als junges Unternehmen kämpft man schon mit einer Menge Overhead.

In diesem kurzen Beitrag möchte ich 5 Tipps aus meiner eigenen Gründungserfahrung geben, um die Durststrecke zum „overnight success“ zu verkürzen.

Schuster bleib bei Deinen Leisten

An welcher Front gewinnt ein Startup? Sicher nicht im Backoffice, sondern in der Produktentwicklung und dem Vertrieb. Das Gründungsteam sollte 80% und mehr seiner der Kapazität auf diese beiden Aufgaben fokussieren. Dies klingt offensichtlich, die Gründungserfahrung sagt aber anders. Angesichts zahlreicher Nebenkriegsschauplätze, die häufig sehr eindringlich nach Aufmerksamkeit schreien, verliert man nicht selten den notwendigen Fokus. Aber: Ohne Fokus verliert man die Sicht auf die Erfolgsspur.

Die Lösung? Ein Teil ist die abgebrühte Delegation an externe Partner. Wir haben gute Erfahrung mit der kompletten Abgabe der Buchhaltung gemacht. Ebenso haben wir Rechtsfragen und IT-Themen weitgehend outgesourct. Lieber schluckt man die Kröte und investiert ein paar hundert Euro in einen Rechtsanwalt, um AGB, Arbeitsrecht und Schutzrechtthematiken beackern zu lassen, als dass man sich selbst in diesen umfangreichen Rechtsgebieten verlustiert und und dann dabei – schlimmstenfalls – auch noch Fehler macht. Experten sind nicht umsonst Experten. Die zentrale Aufgabe des Gründers ist es, in seinem Thema absoluter Experte zu werden – nicht mit anderen Experten in Wettbewerb zu treten. Weitere Themen, um die man sich nicht selbst kümmern muss, ist der ganze Bereich Web (z.B. Webseite, Suchmaschinenoptimierung).

Hire slow, fire fast

Teil 2 der Lösung ist der Aufbau eines echt schlagkräftigen Teams, dass einem den Rücken frei hält und auf das man sich verlassen kann. Bei der Vielzahl der auf einen einprasselnden Aufgaben ist dies eine absolute Notwendigkeit, um nicht im Klein-Klein des Tagesgeschäft zu ersaufen.

Um dies nicht als bloßen Appel stehen zu lassen, zwei konkrete Handlungsempfehlungen als Quintessenz unserer personalpolitischen Gründungserfahrung: Hat man Zweifel an einem möglichen Kandidat, dann besser weitersuchen. Die heutigen Leistungsträger des ionas-Teams sind die, an deren Eignung kein Zweifel bestand. Die Bewerber, denen wir die Chance gaben, unsere Zweifel zu beseitigen, haben mittlerweile die Firma verlassen. Diese Regel mag nicht immer absolut zielgenau sein, aber sie reduziert das operative Risiko. Die zweite Empfehlung ist eine Betonung des „fire fast“. Die Hoffnung, ein Problemmitglied in einen Topperformer zu transformieren, wird in aller Regel enttäuscht. Häufiger steht am Ende einer Phase des intensiven Coachings und Mentorings die Realisierung, dass es immer noch nicht reicht.

Jede einzelne Handlungsempfehlung mag harsch klingen, zusammengenommen mögen Sie wie ein Exzerpt aus einem Rezeptbuch für Ultrakapitalisten wirken. Andererseits ist dies nur eine Antwort auf die harte Realität: In einem Startup gibt es noch kein Reserven, von denen man zehren kann, es gibt kein Polster, auf dem es sich ausruhen lässt. Dies muss erst erarbeitet werden. Und selbst mit einem kohärenten, schlagkräftigen Team ist dies kein Automatismus.

“Shot the engineer, promote the sales guy“

Der Erfolg einer Neugründung bemisst sich danach, ob sie es schafft – bevor das Startkapital ausgeht – nachhaltige Gewinne zu erzielen. Der typische Entwickler und Ingenieur hat jedoch die starke Tendenz, sein Produkt noch nicht marktreif zu finden. Aber: Gewinne werden im Markt erzielt, nicht in der Werkstatt/im Labor. Ein starker Gegenpol auf der Marktseite ist daher notwendig.

Der klare Appel ist also, so früh wie möglich mit einem Produkt an den Markt zu gehen. Auch mit einem imperfekten Produkt lässt sich schon Geld verdienen. Es ist allemal besser, mit einem die eigenen Ansprüche nicht befriedigenden Resultat Geld zu verdienen als auf dem Weg zum fertigen Produkt Pleite zu gehen. Außerdem lässt sich so feststellen, inwieweit die Vorstellungen des Entwicklungsteams und der Zielkundengruppe übereinstimmen. Mehr als nur ein Startup musste feststellen, dass es am Markt vorbei entwickelt hat. (Zu dem Thema kann ich die Lektüre von The Lean Startup von Eric Ries nur wärmstens empfehlen.)

Kostenlos? Dann darfs auch etwas mehr sein

Um als neuer Anbieter am Markt sichtbar zu werden, muss es nicht immer gleich eine große AdWords-Kampagne oder teure on- und offline Werbung sein. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um kostenlos oder sehr kostengünstig Aufmerksamkeit zu erregen. Dazu gehören zuallererst die zahlreichen Startup-Netzwerke und Events, ebenso die unzähligen ausgelobten Innovationspreise. So war für uns die Teilnahme an der Langen Nacht der Startups wohl eines der Highlights in 2015. Warum auch nicht bei der Höhle der Löwen bewerben? Außer man wohnt in sehr strukturschwachem Gebiet, gibt es regionale und überregionale Netzwerke, die man für die eigenen Zwecke nutzen kann. Die IHK oder Förderbanken können Auskunft bieten.

Artikel und Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften sind hervorragende Werbemittel. Ein guter Artikel hat auch allemal eine höhere Wirkung als eine Anzeige. Ein großer Artikel in einer der überregionalen Zeitungen ist ein Sechser im Lotto, der nur wenigen vergönnt ist. Zum Glück gibt es aber (noch) viele lokale Zeitungen, die sich über spannende Gründungsgeschichten freuen. Dito Spezialzeitschriften, die thematisch zum Produkt passen. Wir hatten großes Glück. Die Computerzeitschrift c’t widmete unserem ionas/Server Home Anfang 2015 einen ganzseitigen Artikel. Andere Medien (z.B. Neuerdings.com, Linux Geek) berichteten ebenfalls. Anzeigen mit der selben Reichweite hätten tausende von Euro gekostet. Ergo: Mit freundlicher Beharrlichkeit lässt sich einiges erreichen.

Wer wagt, gewinnt

Wie jeder Gründer haben auch wir gehofft, ein im wahrsten Sinne des Wortes overnight successes zu sein: Massive Nachfrage nach unserem Produkt, rasantes Wachstum, Profitabilität nach kürzester Zeit. Daran haben wir geglaubt – und an unseren Erfolg glauben wir immer noch. Was sich aber geändert hat ist die abgeleitete Konsequenz. Bei der Gründung fürchteten wir uns vor Nachahmern und unternahmen entsprechende Massnahmen. Mittlerweile hat sich unsere Angst vor Nachahmern verflüchtigt. Im Gegenteil: Wir suchen nach Partnern, mit denen wir unsere Idee teilen können. Wir suchen Partner, mit denen wir gemeinsam wachsen können. Aus diesem Grund gibt es seit Februar 2016 eine Computerhilfe-Hotline ionas in Italien. Diesem radikalen Sinneswandel steht die Realisierung gegenüber, dass die Liste der erfolgreichen Kooperationen länger ist als die der geklauten Ideen.

Gründungserfahrung selbst machen – von der von anderen profitieren

Die Erfahrungen seit der Gründung von ionas im Herbst 2014 lassen sich sicher nicht universell verallgemeinern. Auch sind die Empfehlungen nicht wissenschaftlich hergeleitet. Die Hoffnung ist dennoch, dass Sie für junge Gründer und solche, die mit der Idee der Selbständigkeit schwanger gehen, Inspiration sind. Wenn meine Gründungserfahrung tatsächlich hilft, den overnight success zu beschleunigen, wäre mir dies eine größte Freude.

über ionas:
ionas – Ihr Online Assistent ist September 2014 als Computerhilfe-Hotline gestartet. Unter einer zentralen Rufnummer erhalten PC, Mac und Linux-Nutzer kompetente Antworten bei Fragen und Problemen und dies an 7 Tagen die Woche, 365 Tage im Jahr. Uber tausend Beratungsgespräche wurden seit Gründung geführt. Die hohe Beratungsqualitat von ionas wurde Ende 2015 im CHIP-Hotline Test mit der Auszeichung als Service-Sieger geehrt (Kategorie PC-Hilfe).

Daneben entwickelt und vertreibt ionas Arbeitsgruppen-Server mit vorkonfigurierter private Cloud Software. Die Einrichtung der ionas-Server übernehmen die Experten von ionas nach Kundenspezifikationen. Die ionas-Server erlauben so vollen Cloud-Komfort, ohne Abhängigkeit von einem der grossen Cloud-Anbieter. Der Nutzer hat die volle Hoheit über die eigenen Daten.

Ralf Dyllick-Brenzinger
Über den Autor:
Ralf Dyllick-Brenzinger hat mit seinem Bruder Christoph ionas – Ihr Online Assistent gegründet. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft hat er gute 3 Jahre in der Unternehmensberatung gearbeitet. Während der Promotion folgten erste Schritte in die Selbständigkeit, der grosse Schritte folgte mit der Gründung von ionas.
 

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*