Geben ist seliger als Nehmen, sagt schon die Bibel. Im Moment wird das Teilen als neue heilsbringende Wirtschaftsform propagiert. Ob Sharing-Plattformen und -Anbieter die hohen Erwartungen erfüllen können, ist aber umstritten. Patrick Bottermann fasst die Argumente zusammen.

Quelle: PublicDomainPictures / pixabay.com

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Seit einigen Jahren formt sich aus dem altbekannten Wirtschaftsmuster, dass Dinge produziert werden, um sie im Anschluss mit möglichst hohem Gewinn zu verkaufen, eine neue Wirtschaftslogik: die sogenannte Sharing Economy. Produkte und Dienstleistungen werden geteilt und sie zu nutzen bedeutet nicht mehr notwendigerweise sie zu besitzen. Die Wertschöpfung entsteht durch die Gebühren, die für die Nutzung anfallen. Das wohl bekannteste Beispiel liefert in diesem Zusammenhang das Carsharing, das vor allem Großstädter dazu veranlasst, das eigene Auto immer öfter stehen zu lassen. Statt der Suche nach einem Parkplatz für das eigene Auto, suchen die Carsharer per App ein freies Auto in der Nähe ihres Standortes. Das lässt sich dann sofort reservieren und los geht die Fahrt. Abgerechnet wird im Minutentakt – Benzin, Versicherung und Parkgebühren inklusive. So funktioniert es zumindest bei bekannten Anbietern wie DriveNow oder Car2Go. Plattformen wie Autonetzer gehen noch einen Schritt weiter und lassen Privatleute mit einem ähnlichen System ihre Fahrzeuge, die sonst sowieso die meiste Zeit herumstehen würden, teilen. In beiden Fällen liegen die Kosten für Fahrt und Unterhalt weit unter denen für ein eigenes Auto und obendrein hat das Prinzip das Potenzial, die Umwelt zu schonen.

„Plattformkapitalismus“ ist ein zweischneidiges Schwert

Doch geteilt werden kann nicht nur das Auto – auch Kleider, Bohrmaschinen und natürlich die eigene Wohnung landen mittlerweile auf Sharing-Plattformen im Internet, die den Trend des Teilens zum Geschäftsmodell machen. Ist das die schöne neue Sharing-Welt? Da gehen die Meinungen auseinander. Kritiker sehen in der sich rasant entwickelnden Sharing Economy eine Art „Plattformkapitalismus“, an dem sich Unternehmen gesundstoßen. Denn diese bieten nur Vermittlungsleistungen zwischen Endverbrauchern an, ohne aber ein eigenes Produkt zu haben. Dabei zerstören sie traditionelle Geschäftsmodelle und gefährden Arbeitsplätze oder treiben die Wohnungspreise in Großstädten weiter in die Höhe. Dies wird zum Beispiel den Zimmervermittlern von Airbnb und der Taxi-Alternative UBER immer wieder vorgeworfen. Darüber hinaus sei das System des kommerziellen Teilens bestens geeignet, Menschen auch in ihrer Freizeit im Markt-Karussell von Angebot und Nachfrage rotieren zu lassen. Wenn man am Wochenende am Rechner seine Bohrmaschine gegen Entgelt zum Verleih anbietet, sei dies schließlich auch Arbeit.

Teilen gegen Einsamkeit

Die Fans der Sharing Economy verweisen dagegen auf das Potenzial zur Energie- und Ressourcenschonung, da mehr geteilt als produziert wird, und heben auch die soziale Komponente hervor. So propagiert die südkoreanische Hauptstadt Seoul die Sharing Economy als eine Art soziales Interventionsprogramm, um die fortschreitende Vereinsamung in der Millionenmetropole zu lindern. Das Teilen von Wohnungen und gemeinsam organisierte Abendessen unter Singles sollen unter anderem dazu beitragen, die hohe Selbstmordrate zu senken.

Die Sharing Economy entsteht gerade erst und kann Wachstum in die eine wie in die andere Richtung generieren. Dass sie wachsen wird, ist wahrscheinlich – nur wie hängt von den Akteuren ab. Der Fernsehsender Arte hat eine spannende Dokumentation mit Unternehmern, Befürwortern und Kritikern produziert, die diese Fragen beleuchtet.
Mehr unter: http://future.arte.tv/de/sharing-economy und https://www.youtube.com/watch?v=TcazXOkRs-c.

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