Übernachten bei Privatpersonen statt in teuren Hotels liegt bei Reisenden voll im Trend. Angebote wie Airbnb und Couch-Surfing boomen seit Jahren. Tourismusexperte Prof. Dr. Florian Hummel und EMS-Studentin Julia Ladendorf, die das Thema in ihrer Bachelorarbeit untersuchte, erklären die Gründe.

Quelle: Hans / pixabay.com

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Günstig übernachten, die Stadt entdecken wie ein Einheimischer und dazu wertvolle Insider-Tipps aus erster Hand – das verspricht das Unterkunftsportal Airbnb. Das Konzept ist einfach: Privatpersonen vermieten ihre Wohnungen für einige Tage an Touristen und das meist zu einem günstigeren Preis als ein Hotelzimmer. Zudem lernt der Gast den Gastgeber so auch persönlich kennen. Seit 2008 haben schon mehr als elf Millionen Touristen die Angebote von Airbnb genutzt. Der private Übernachtungsmarkt boomt und wird zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Hotellerie.

Der wichtigste Grund für diese Entwicklung ist der Wunsch vieler Touristen, neue Kontakte zu knüpfen, Inspirationen zu erhalten und authentische Erfahrungen zu sammeln. Viele Reisende suchen Individualität statt Massentourismus. Sie finden wieder Spaß am Tauschen. Denn davon profitieren beide Seiten. Der Gastgeber füllt seine Taschen mit etwas Geld und der Gast fühlt sich wie ein Einheimischer. Ein Trend der sich nicht nur in der Reisebranche erkennen lässt.

Ein neuer Trend: Sharing Economy

Sharing Economy nennt dies der Harvard-Ökonom Martin Weitzman. Zunehmend realisieren die Menschen, dass Kollektivgüter und Eigeninteresse voneinander abhängig sein können. Während Kinder lernen, ihre Spielsachen mit anderen Kindern zu teilen, neigen wir dazu, dieses Konzept zu vergessen, sobald wir erwachsen sind. Wir pochen auf unser Eigentum und ziehen hier eine rote Linie. Doch seit einiger Zeit ist die Beziehung zwischen Selbstidentität, physischen Produkten und individuellen Eigentum im Wandel. Die Menschen erkennen zum Beispiel, dass es eher die Musik ist, die sie wollen, als die CD. Der Kern einer Sharing Economy ist es also, dass sich Marktteilnehmer Waren teilen und somit Reichtum für alle erreichen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem kooperativen Verbrauch. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist es vor allem die jüngere Generation, die bereit ist, fast alles zu teilen, von Autos bis zu Büros. Seitdem die Informationen über die Waren und Dienstleistungen mittels des Internets und mobilen Endgeräten jederzeit verfügbar sind, bekommt die Sharing Economy eine neue und stärkere Eigendynamik.

Sharing Economy und der Tourismus

Das Konzept des Teilens in der deutschen Tourismusbranche besteht bereits seit den 1950er und 60er Jahren. Vor allem auf den Ostfriesischen Inseln leerten die Einheimischen die Kinderzimmer, um Gäste während der Urlaubssaison unterzubringen. Heute ist es der Erfolg der privaten Ferienunterkünfte und auch des Couch-Surfens, der in den letzten Jahren vermehrt die Tourismusbranche beeinflusst und verändert hat. Die technischen Voraussetzungen, gekoppelt mit dem Ergebnis der engen Interaktion zwischen Einheimischen und Touristen, haben die Sharing-Economy auf die Tourismusbranche ausgedehnt. Dabei ist vor allem der Preis die Stärke der privaten Unterkünfte. Insbesondere für Gruppen ist dies ein großer Vorteil, da Ferienwohnungen auch mehr Platz als Hotelzimmer bieten. Experten schätzen, dass der private Unterkunftsmarkt in Deutschland bereits einen Jahresumsatz von rund drei Millionen Euro macht – Tendenz steigend.

Couch-Surfing und Airbnb als Konkurrenten der Hotellerie

Der Boom begann mit der Gründung der Online-Plattform www.couchsurfing.org im Jahr 2003. Wie der Name schon sagt, können Reisende hier einfach auf der „Couch“ des Gastgebers übernachten. Couch-Surfing ist kostenfrei, aber es ist üblich, ein kleines Geschenk mitzubringen. Nicht die preiswerte Unterkunft steht im Vordergrund, sondern der enge Kontakt zum Gastgeber. Das Durchschnittsalter der Couch-Surfer ist mit 28 Jahren recht jung. Toleranz und Flexibilität sind zudem zwei wichtige Aspekte, da manchmal auch eine Luftmatratze für das Übernachten reichen muss.

Airbnb

Airbnb

Die Idee zu Airbnb entstand vier Jahre später im Oktober 2007. Zur Industriedesign-Konferenz wollten Designer aus der ganzen Welt nach San Francisco reisen, aber stellten schnell fest, dass Hotelzimmer knapp waren. Zwei Freunde sahen das Problem und hatten die Idee, ihre eigenen Zimmer über die Website der Konferenz zu vermieten. Daraus entwickelte sich im Jahr 2008 die erste Version der Airbnb Website. Bald wurde dies populär und Airbnb wird heute als Pionier des Social-Reisens gesehen. Das Portal bietet zahlreiche Unterkünfte in mehr als 190 Ländern an. Im letzten Jahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 250 Millionen US-Dollar. Die aktuelle Expansion ist rasant. Zum Vergleich: Marriott International, eine der größten Hotelgruppen der Welt, plant im nächsten Jahr ihrem Produktportfolio 30.000 Hotelzimmer hinzuzufügen. Airbnb schafft dies in nur zwei Wochen.

Inspiriert von dieser Erfolgsgeschichte drängen nun weitere Anbieter (z.B. 9flats und Wimdu) auf den Markt. Letztendlich ist es der Kunde, der von diesen Angeboten profitiert und seine Bedürfnisse nach authentischen Urlaubserlebnissen ausleben kann. Die Hotellerie scheint zunächst der Verlierer, da potenzielle Kunden verloren gehen. Aber auch in diesem Bereiche wird sich in Zukunft einiges tun. Die ersten Hotelketten planen kleine Betriebe mitten in belebten Wohnvierteln europäischer Metropolen mit Augenmerk auf Selbstversorgung.

Prof. Dr. Florian Hummel

Prof. Dr. Florian Hummel

Zur Person: Als Professor für General Management lehrt Prof. Dr. Florian Hummel neben betriebswirtschaftlichen Fächern auch im Bereich des Hotelmanagements an der European Management School (EMS). Der Tourismusexperte war bei Autovermietungen und im Airline Marketing tätig und publizierte englische und deutsche Fachliteratur. Darüber hinaus war er zuletzt Vize-Präsident der International Society of Travel and Tourism Educators (ISTTE) und ist aktives Mitglied der International Association of Travel and Tourism Professionals (SKAL International) in der Sektion Mainz-Wiesbaden.

Julia Ladendorf

Julia Ladendorf

Zur Person: Julia Ladendorf studiert International Culture and Management (B.A.) mit der Spezialisierung Tourism, Event and Hospitality Management an der European Management School (EMS). Ihre Bachelorarbeit verfasste sie unter dem Titel „Current developments in the private holiday apartment market in Germany: A critical discussion”. Darin untersuchte sie die Auswirkungen des steigenden Angebots an Privatunterkünften auf die Tourismusbranche.

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