Gerd Meyer-Schlee, Abteilungsleiter Kabinen Crew bei der Lufthansa, über Politik in Unternehmen, die Beeinflussung von Entscheidungen und wie Vitamin B auf dem Karriereweg hilft.

Unternehmen verfolgen das Ziel rationale Entscheidungen zu treffen, doch in der Realität spielen politische Einflüsse eine große Rolle. Was zeichnet solche politischen Entscheidungen aus?

Quelle: stevepb / pixabay.com

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Politische Entscheidungen sind, bezogen auf Unternehmen, Entscheidungen, die nicht rein rational aufgrund wirtschaftlich orientierter Kennwerte und Berechnungen erfolgen. Im Rahmen von Politik wird Macht genutzt, um Entscheidungen im Sinne des politisch Handelnden zu erreichen, auch wenn möglicherweise betriebswirtschaftliche Argumente dagegen sprechen. So wäre zum Beispiel ein Weiterbau des Berliner Flughafens BER derzeit wirtschaftlich nicht sinnvoll, politisch ist dies aber gewollt.

Aber warum können Entscheidungen nicht nur rational getroffen werden?

Ich behaupte ja sogar, dass Entscheidungen nie rein rational getroffen werden können. Man kann sich nur dem Denkmodell von Rationalität annähern. Der Begriff Rationalität alleine ist schon kontextabhängig. Was der eine als rational empfindet, wird die andere als sehr emotionale Betrachtungsweise bewerten.

Können Sie Beispiele nennen, wo sich politische Zwänge in Unternehmen äußern?

Politische Zwänge finden auf jeder Ebene von Entscheidungsprozessen statt. Der Vorstandsvorsitzende einer AG muss sich gegenüber einem politisch zusammengesetzten Gremium, dem Aufsichtsrat, verantworten. Der Leiter, der die Aufgabe einer Reorganisation seiner Einheit bekommt, muss seine Überlegungen und Entscheidungen gegenüber dem Betriebsrat vertreten. Der Projektleiter wird sein Innovationsprojekt nur dann genehmigt bekommen, wenn er die einzelnen Interessen der Projektteilnehmer beachtet. Bei diesen Beispielen handelt es sich klar um politisch beeinflusste Entscheidungen.

Aber wie können solche politischen Entscheidungen beeinflusst werden?

Eine sehr spannende Frage. Die kurze und knappe Antwort: Durch Kommunikation und Beziehungspflege. Durch Kommunikation wird gesteuert, dass die Beteiligten in Entscheidungsprozessen nur die notwendigen Informationen erhalten, die im Sinne des Beeinflussenden sind. Hierzu müssen die Informationen glaubwürdig sein und von den Empfängern positiv bewertet werden. Zudem muss man auch das Vertrauen der Beteiligten gewinnen, sodass in der Entscheidungssituation die notwendige positive Beziehungsbasis bereits gegeben ist und nicht erst noch erarbeitet werden muss.

Sie sagten bereits, dass Beziehungspflege, also das sogenannte Vitamin B, in Unternehmen wichtig ist. Wie kann ein Angestellter dies nutzen?

Bleibe ich bei meiner These, dass es keine rein rationalen Entscheidungen in Unternehmen gibt, dann stecken auch in jeder Besetzungsentscheidung, vor allem wenn es die Karriereleiter nach oben gehen soll, beziehungsbasierte oder auch politische Einflussfaktoren. Die logische Konsequenz kann nur darin bestehen, Beziehungen oder politische Rahmenbedingungen positiv im eigenen Sinne zu beeinflussen. Dem einen liegt und gelingt dies eher, dem anderen eher weniger.

Was sind denn Mittel zur Beziehungspflege?

Sich einfach für den anderen interessieren. Zeigen, dass man die Aussagen, Einstellungen, Werte des anderen schätzt und diese mit in seine Überlegungen einfließen lässt. Nehmen wir als Beispiel die Zusammenarbeit mit einem Betriebsrat. Dieser Betriebsrat besteht aus Kollegen und Kolleginnen, die unterschiedliche Einstellungen und Werte in sich tragen. Diese muss ich berücksichtigen. Was ist einfacher als diese im Dialog kennenzulernen, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Über eine konstruktive Auseinandersetzung und Interesse für meine Mitmenschen entsteht eine Beziehung.

Gibt es dabei etwas zu beachten?

Generell sollten Sie private und betriebliche Beziehungen trennen. Anders als in einer privaten Beziehung sollten Sie im Beruf Grenzen wahren und die „Compliance“ des jeweiligen Unternehmens beachten. So wäre eine private Einladung eines Betriebsratskollegen durch sie mit dem Ziel eine Entscheidung zu beeinflussen sicherlich konträr der Compliance. Genauso das Annehmen einer Einladung von einem Lieferanten zu einem Konzert oder die Annahme von Geschenken.

Das Interview führte Simon Wächter

Gerd Meyer-Schlee

Gerd Meyer-Schlee

Zur Person: Gerd Meyer-Schlee ist Abteilungsleiter Kabinen Crew bei der Lufthansa AG. Der Diplom-Psychologe hat an der Universität Bonn studiert. Seit 1986 arbeitet er bereits für die Lufthansa. Seitdem hatte er dort verschiedene Positionen im Bereich „Human Resources“ inne.



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