Seit einem Jahr sind Fernbusse nun auf deutschen Straßen unterwegs. Sie werben mit Beinfreiheit, kostenlosem WLAN sowie Getränken nach Wahl – und das alles zu einem günstigeren Preis als die Deutsche Bahn. Stimmt das? Wir haben den Fernbusmarkt genauer unter die Lupe genommen.

Quelle: Ana_J / pixabay.com

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Auf den Autobahnen sind die bunt lackierten Fernbusse nicht mehr wegzudenken. Im Januar 2013 wurde der innerdeutsche Reisemarkt für Fernbus-Anbieter geöffnet, seitdem wächst die Zahl der Buslinien rasant. Im Dezember 2013 konnten Reisende pro Woche allein aus 5100 Fahrten deutschlandweit wählen – das entspricht einem Plus von 230 Prozent im Vergleich zum Januar 2013, stellte der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer in einer Studie fest.

Die Stärke liegt im Preis

Die Fernbusse haben einen klaren Vorteil: Der Preis. Im Vergleich zur Deutschen Bahn kommen Reisende günstiger ans Ziel, aber dazu müssen sie meistens etwas mehr Zeit als mit dem Zug einplanen. Durchschnittlich neun Cent kostete ein Kilometer mit dem Fernbus im Dezember 2013. Schon ab 18 Euro kommt ein Reisender mit dem Fernbus zum Beispiel von München nach Berlin. Ein Sparangebot der Deutschen Bahn kostet dagegen 59 Euro, ein reguläres Ticket sogar 130 Euro. Allerdings dauert die Fahrt mit dem Bus 1,5 Stunden länger als mit der Bahn – vorausgesetzt es gibt keinen Stau.

Für Reisende mit viel Zeit und beschränktem Budget, ist der Fernbus eine günstige Alternative. Doch sind die Busse auch eine ernsthafte Konkurrenz für die Bahn? „Es scheint in der Tat so zu sein. Mir sind seriöse Berichte von Bahnvielfahrern bekannt, die durchaus einen Passagierrückgang zu sogenannten ‚Drive-time‘- Zeiten, also Freitag- sowie Sonntagnachmittag, beobachtet haben“, sagt Prof. Dr. Florian Hummel, Tourismusexperte an der European Management School.

Den typischen Fernbusreisenden gibt es nicht

Der günstigere Preis lässt vermuten, dass vor allem junge Leute mit weniger Geld, wie zum Beispiel Studenten oder Azubis, auf die Fernbusse als Reisemittel setzen. Doch Prof. Dr. Hummel sieht das anders: „Den typischen Fernbusreisenden gibt es nicht. Das hat mit der allgemeinen Preissensitivität verschiedenster Bevölkerungsgruppen und dem wirklich sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis aller Anbieter auf dem Markt zu tun.“

Es ist aber fraglich, ob die Fernbus-Anbieter auf Dauer die Preise so niedrig halten können. Einer Studie der TU Dresden zufolge müssten Busfahrten je nach Auslastung 60 bis 70 Prozent des Bahnpreises kosten, um profitabel zu sein. „Sicher werden die Preise ein wenig steigen, aber das Busprodukt ist in der Tat mit geringeren Einzelerträgen tragfähig“, schätzt Prof. Dr. Hummel. Schon jetzt sind die Busfahrten für die Anbieter profitabel. Die Busunternehmer erwarten in den nächsten Jahren einen Jahresumsatz von 300 Millionen bis 600 Millionen Euro im Fernverkehr.

Fernbusse auch in Service und Komfort gut

Auch was den Service und Komfort an Bord angeht, müssen sich die Fernbusse nicht hinter der Bahn verstecken, sagt Stiftung Warentest. Die Tester haben sechs Fernbusanbieter mit der Bahn verglichen und kamen dabei zu einem positiven Ergebnis. Kostenloses surfen per WLAN ist in den meisten Fernbussen bereits Standard. Auch die Sitze seien bequem, ließen sich weit verstellen und böten auch größeren Reisenden „ausreichend Beinfreiheit“. Auch sei das Platzangebot groß, weil in den Bussen „oft nicht Fernreisebus_Bahneinmal jeder zweite Platz besetzt“ sei, so die Tester. Als großes Manko sieht Stiftung Warentest aber die Pünktlichkeit der Busse, da Staus wegen Baustellen oder Verkehrsunfällen den Zeitplan gefährden. Vor allem aber umweltbewussten Passagieren raten die Tester zum Fernbus. Laut einer Studie der Uni Heidelberg gelten vollbesetzte Reisebusse im Vergleich zu Auto, Bahn und Flugzeug als umweltfreundlichste Reisevariante.

Wenig komfortable Haltestellen sind die Schwäche der Fernbusse

Günstige Preise, guter Service und Komfort an Bord – das alles spricht für die Fernbusse, aber das System hat auch Schwächen. Abgesehen von Verspätungen durch Staus auf den Autobahnen, befindet sich das Streckennetz noch immer im Aufbau. Das macht manche Fahrten recht umständlich, wenn es noch keine direkte Verbindung gibt. Auch die meisten Busbahnhöfe sind noch wenig komfortabel. „Die größte Schwäche ist ganz sicher die Standortfrage der Haltestellen. Hier wurde Jahrzehnte seitens der Städte nichts oder nicht viel investiert. Hier gibt es deutlich Verbesserungsbedarf, um z.B. auch Geschäftsreisende anzusprechen“, weist Prof. Dr. Hummel auf die Nachteile hin. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer genügen von den 53 deutschen Busbahnhöfen nur die Stationen in Hamburg und Mannheim den höchsten Ansprüchen auch hinsichtlich des barrierefreien Zugangs für Behinderte. Hier gibt es noch viel Luft nach oben.

Wer Geld sparen möchte und dafür bereit ist, etwas längere Reisezeiten in Kauf zu nehmen für den sind Fernbusse die passende Alternative zu Auto, Bahn und Flugzeug. In ihrem ersten Jahr auf der Straße haben sich die Fernbusse bereits bewährt und die Entwicklung in so kurzer Zeit ist bemerkenswert. „Das Konzept kann generell sehr positiv bewertet werden. Alle Betreiber expandieren und neue drängen auf den Markt“, sagt Prof. Dr. Hummel. Der Markt boomt. Die Branche selbst rechnet noch mit einem kräftigen Wachstum bis Mitte 2014. Danach wird sich zeigen, wie nachhaltig der Erfolg der Linienbusse sein wird.

Von Simon Wächter

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